Otitis externa

Entzündung des äußeren Gehörganges

Die Entzündung des äußeren Gehörganges des Hundes ist einer der häufigsten Gründe für einen Tierarztbesuch. Je nach Gegend ist sie zu 8-23 % der Anlass für einen Tierarztbesuch.

Die Ursache einer Otitis externa kann vielfältigen Ursprungs sein. Parasiten, Fremdkörper, Mikroorganismen und Wucherungen können die Entzündung auslösen. Bis Ihr Hund die typischen Symptome wie Kopfschütteln, vermehrtes Kratzen am Ohr und Kopf schiefhalten zeigt, ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen und die Infektion ist zu diesem Zeitpunkt bereits auf ihrem Höhepunkt.
Die Folgen der Otitis externa können schwerwiegend sein, wenn sie nicht umgehend gründlich behandelt wird: Zerstörung des Trommelfells, Infektion des Innenohrs, Gleichgewichtsstörungen – es kann sogar zu Taubheit und Entzündungen der Hirnhäute kommen. 

Um die Erkrankung besser verstehen zu können, schauen wir uns die Anatomie des Hundeohres an:

Funktion und Aufbau des Ohrs:

Das Ohr (Auris, Organum verstibulocochleare) ist ein Doppelsinnesorgan.

Das Hörorgan reagiert auf akustisches Umweltreize: Es spricht auf Schallwellen verschiedener Intensität und Frequenz an. Der jugendliche Mensch vermag Tonfrequenzen von 16 Hz bis 20.000 Hz wahrzunehmen. Im Alter sinkt die obere Grenze auf bis zu 5.000 Hz ab. Dagegen liegt die obere Hörgrenze bei unserem Hund zwischen 30.000 und 40.000 Hz. Das bedeutet, er ist in der Lage viel höhere Tonfrequenzen wahrzunehmen, die wir Menschen gar nicht mehr hören. Dieses Hörvermögen wird durch den Gebrauch von sogenannten tonlosen Hundepfeifen in der Hundeabrichtung genutzt.
Das Gleichgewichtsorgan dient der Wahrnehmung der Lage des Körpers in seiner Umgebung und orientiert sich an der Erdanziehungskraft.


Bild 1 - Legende: a - äußerer Teil des Gehörganges, b - innerer, horizontaler Teil, c - Trommelfell, d - Knick zwischen den beiden Teilen des Gehörganges, e - zusätzlicher Knick beim Hängeohr, f - Paukenhöhle, g - Schädelknochen, h - Muskulatur, i - äußere Haut

Das Ohr wird in drei Abschnitte unterteilt:

  1. äußeres Ohr, Auris externa - Ohrmuschel (lat. Auricula), äußerer Gehörgang (Meatus acusticus externa). Grundlage der Ohrmuschel bildet ein elastischer Muschelknorpel, an welchem die Ohrmuskeln ansetzen und diesen so bewegen können.
  2. mittleres Ohr, Auris media - Paukenhöhle, Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) und Ohrtrompete. Es wird durch das Trommelfell von dem äußeren Ohr getrennt. 
  3. inneres Ohr,Auris interna - Vorhof (Vestibulum), der zwei häutige Säckchen (Utriculus und Sacculus) enthält. Hier liegt der für das Gleichgewicht zuständige Vestibularapparat. Schnecke (Cochlea), Schneckengang (Ductus cochlearis) mit dem Cortischen Organ, welches schallempfindliche Sinneszellen trägt und somit für die Aufnahme und Weiterleitung der ankommenden akustischen Signale verantwortlich ist.


Mittel- und Innenohr sind in der klinischen Untersuchung nicht zugänglich. Die Strukturen sind lediglich röntgenologisch oder mittels Computertomographie darstellbar.
Töne werden in Form von Schallwellen vom Ohr aufgenommen. Hierbei wirkt die Ohrmuschel wie ein Hörtrichter, der die Schallwellen auffängt und ins Ohrinnere weiterleitet. Die Schallwellen setzen das Trommelfell in Schwingung. Diese Schwingung wird über die Gehörknöchelchen bis hin zur Cochlea (Hörschnecke) mit dem Cortischen Organ übertragen. Dieses besitzt zahlreiche Sensorzellen, welche die ankommende Toninformation in elektrische Aktionspotentiale umwandeln. Die Aktionspotentiale werden über Nervenbahnen bis zum Hirn weitergeleitet.

Im Gehörgang befinden sich Talg- und Zeruminaldrüsen (Glandulae ceruminosae, modifizierte Schweißdrüsen). Sie bilden das sogenannte „Ohrschmalz“ (Zerumen, Cerumen), welches bei allen Säugetieren existiert. Das Zerumen befeuchtet die Haut im Gehörgang und dient der Entfernung von Staub, Schmutz, abgestorbenen Zellepithelien und kleinen Fremdkörpern. Weiterhin enthält es bestimmte Stoffe wie beispielsweise das Enzym Lysozym, die dem Eindringen von Bakterien und kleinen Insekten in den Gehörgang entgegenwirken.
Im Gehörgang des Hundes befinden sich Haare. Diese Behaarung ist rassetypisch unterschiedlich ausgeprägt: Die maximale Häufung findet man bei Pudeln. Im Gegensatz zum Hund ist der Gehörgang der Katze haarlos.

Ätiologie

Die Entstehung einer Otitis wird durch anatomische Besonderheiten beim Hund begünstigt: Der Hund besitzt im Vergleich zu anderen Tierarten einen langen Gehörgang, welcher je nach Rassetyp (Ohrform) mehr oder weniger abgeknickt ist. Dies erschwert die spontane Sekretentfernung und vermindert die Belüftung des Gehörganges. Auch durch die Behaarung innerhalb des äußeren Ohres wird die „Selbstreinigung“ beeinträchtigt.

Begünstigende Faktoren:

  • Starke Behaarung von Gehörgang und Meatus externus (Pudel, drahthaarige Terrier, Bedlington Terrier, Schnauzer, rauhhaarige Hunde)
  • Stellung und Form der Ohrmuschel (Basset, Irish Setter, Cocker).
  • Ausgeprägter Tragus („Ziegenbock“, Knorpelmasse an der Ohrmuschel) bei  Dt. Schäferhund, Belg. Schäferhund, Akita Inu.
  • Enger Gehörgang aufgrund stark ausgeprägter Knorpelfalten (drahthaarige Terrier, Neufundländer, Münsterländer, Sennenhunde, Bernhardiner).
  • Dicke Gehörgangsauskleidung (Spaniel).

Diese Faktoren bedingen ein ungünstiges Mikroklima innerhalb des Gehörganges und erschweren die „Selbstreinigung“ und Sekretentleerung.

Weitere Ursachen einer Otitis externa:

  • Physikalisch-chemische Schädigung durch Fremdkörper, unsachgemäße Ohrreinigung, Irritation durch lose Haare, Eindringen von Wasser in den Gehörgang, Bißverletzungen, übermäßige Ohrschmalzbildung.
  • Allergische Reaktionen (Futtermittelallergie, Kontaktekzem)
  • Parasitenbefall
  • Bakterien
  • Pilze

Auch andere Erkrankungen können den chronischen Verlauf einer Ohrentzündung begünstigen wie beispielsweise die Hypothyreose (Unterversorgung des Körpers mit Schilddrüsenhormonen)

Die Erkrankung des äußeren Gehörganges lässt sich in zwei Gruppen unterteilen:

Otitis externa nonparasitaria und Otitis externa parasitaria

1. Otitis externa nonparasitaria

Schon im Namen ist enthalten, dass bei dieser Form der Otitis externa die Ursache nicht Parasitenbefall ist. Zu den Verursachern gehören: Fremdkörper, Bissverletzungen, die oben aufgeführten anatomischen, begünstigenden Faktoren und andere.

Bild 2: chronische allergische Otitis mit sekundärer seborrhoischen Beränderungen bei einem Hund mit atopischer Dermatitis Bild 3: Starke Otitis externa bei einem Cocker. Der Gehörgang ist entzündet und zugeschwollen. Zeruminöse Absonderungen sind vorhanden.



Einzelne Formen und Erscheinungsbilder der Otitis externa nonparasitaria:

  • Otitis externa erythematosa squamosa: Mäßiger Juckreiz; die Ohrmuschel ist vermehrt warm und gerötet, leicht verdickt und bei der Reinigung fallen feine schwärzliche Schuppen auf.
  • Otitis externa erythematosa ceruminosae: Starke Ohrschmalzansammlung; dickes, braunschwarzes Ohrschmalz; starker Juck- und Schüttelreiz. Durch die übermäßige Ansammlung von Ohrschmalz kommt es zu einer Entzündung mit Rötung, vermehrter Wärme, Verdickung und Sekretion. Drückt man das Ohr leicht zusammen, entstehen quatschende Geräusche.
  • Otitis externa squamo-crustosa: Ohrmuschelinnenflächen und Gehörgang sind entzündet (Rötung, vermehrte Wärme, Verdickung). Die Haut weist Läsionen auf, welche zum Teil mit Krusten bedeckt sind. Starker Juck- und Schüttelreiz. Beim Kratzen gibt der Hund Schmerzlaute von sich.
  • Otitis externa verrucosa sive proliferans: Tumorähnliche kleine Wucherungen (Granulationen) oder starke Verdickung der Ohrmuschelfalten und im Gehörgang. Starker Juck- und Schüttelreiz.
  • Otitis externa ulcerosa sive purulens: Geschwürbildung im Gehörgang. Absonderung eines blutig-eitrigen Sekrets. Sehr starker Juck- und Schüttelreiz, welcher in manchen Fällen unterdrückt wird, da Kratzen und Reiben sehr schmerzhaft ist. Berührungen und Abtasten des Ohrs sind schmerzhaft.

    Bild 4: Einblick in einen sauberen Gehörgang mit rassetypischer Behaarung und Hautfalten (Shar Pei)

Oftmals sind diese einzelnen Formen nicht klar voneinander abgrenzbar. Es gibt fließende Übergänge zwischen den einzelnen Formen.
Fremdkörper im Gehörgang: Hierbei kommt es typischerweise zu einem einseitigen Auftreten des Krankheitsbildes. Auslöser sind oftmals Grannen, Spelzen und Samen von Gräsern, so dass besonders im Spätsommer und Herbst damit zu rechnen ist.

Therapie

Als Erstes wird das Ohr gereinigt. Dies muss mitunter in Narkose durchgeführt werden, da es abhängig von Form und Grad der Otitis ein sehr schmerzhafter Vorgang für den Hund sein kann.
Verkrustungen, Schmutz, Ohrschmalz, lose Haare und ggf. Fremdkörper müssen entfernt werden, damit die Entzündung ausheilen kann. Dabei wird der Gehörgang mit entsprechenden Lösungen (3%iges Wasserstoffperoxid, physiologische NaCl-Lösung, Chlorhexidin, handelsübliche Ohrreiniger, welche zum Teil auch rückfettende Bestandteile haben,  u.a.) gefüllt und vorsichtig massiert. Danach wird mit Watte, Wattetupfern o. Ä. das gelöste Ohrschmalz entfernt.
Die Wahl des Ohrreinigers sollte der Tierarzt treffen, da die unterschiedlichen Lösungen verschiedene Vor- und evtl. auch Nachteile haben können (abhängig von der Form und Art der Otitis externa).
Die Reinigung ist die Grunddvoraussetzung für die Abheilung der Entzündungsprozesse. Durch die Verunreinigung mit Sekreten (Absonderungen wie Blut, Eiter aber auch das Vorhandensein von vermehrtem Ohrschmalz) und die schlechte Belüftung im Gehörgang besteht sonst weiterhin ein hervorragendes Milieu für Bakterien und Pilze. So entstehen oftmals Sekundärinfektionen, welche eine konsequent durchgeführte Weiterbehandlung mit entsprechenden Medikamenten (Bsp. Antibiotika) sowohl lokal im Ohr als auch in schwereren Fällen systemisch erfordern.
Der Tierarzt verwendet für die Behandlung Ohrtropfen- und/oder -salben mit entsprechenden Wirkstoffen. Bei schweren eitrigen Entzündungen kann auch eine Behandlung mit Antibiotika-Tabletten nötig sein. Auch der Hundehalter wird die Behandlung selbst weiterführen müssen, da das Ohr weiterhin saubergehalten und mit dem Medikament versorgt werden muss.

In therapieresistenten und chronischen Fällen, welche durch beispielsweise anatomische Faktoren begünstigt oder hervorgerufen werden, kann ein chirurgischer Eingriff von Nöten sein. Gerade bei der verrukösen (verruca = lat. Warze) und der ulzerösen (ulcus, plural: ulcera = Geschwür) Form muss häufig operiert werden, da durch die gewebeartigen Neubildungen die Entzündung begünstigt und den Druck im Ohr erhöht. Ebenfalls wird der Sekretabgang beeinträchtigt.
Es existieren verschiedene Operationsmethoden, welche abhängig von der Art der Erkrankung und deren Lokalisation und Ausbreitung im Ohr eingesetzt werden.

2. Otitis externa parasitaria

Die Ursache dieser Art der Gehörgangsentzündung sind Parasiten. Sie wird auch als "Ohrräude" bezeichnet.
Milben der Art Otodectes cynotis besiedeln Ohrmuschel und äußeren Gehörgang. Als Hundehalter kann man krümelig-borkige bräunlich bis schwarze Beläge im Hundeohr erkennen. Der betroffene Hund ist unruhig und verspürt einen starken Juckreiz. Aufgrund dessen kratzt er sich ausgiebig bis hin zur Selbstverstümmelung. Es kann auch ein sogenanntes "Blutohr" (Othämatom, Hämatoma auriculare) entstehen, wobei sich aufgrund der starken mechanischen Beanspruchung (Kratzen) Blutansammlungen zwischen den unterschiedlichen Gewebestrukuren (Knorpel, Haut, Bindegewebe) bilden.

Der Tierarzt kann den Milbenbefall mit einem Otoskop (teilweise auch mit dem bloßen Auge) feststellen. Wikimedia Commons - Otodectes cynotis - Erreger der Ohrräude

Die Therapie besteht in der gründlichen (und vorsichtigen) Reinigung des Hundeohrs und dem Verabreichen von milbenabtötenden (akariziden) Wirkstoffen. Abhängig vom Wirkstoff kann dieser lokal im Ohr angebracht oder systemisch verabreicht werden. Ob, wann und wie oft eine akarizide Behandlung wiederholt werden muss, ist ebenfalls abhängig von der Art des Wirkstoffes und der Stärke des Milbengefalls. Die Nachbehandlung kann der Hundehalter meist selbst daheim vornehmen nach Einweisung durch den behandelnden Tierarzt.

Wie auch bei den nichtparasitären Entzündung des äußeren Gehörgangs kann es hier zu Sekundärinfektionen durch Bakterien kommen. Bei einer unbehandelten Otitis externa (parasitaria und non-parasitaria) kann es passieren, dass die Entzündung das Trommelfell "durchbricht" und sich auf Mittel- und Innenohr ausweitet. Diese Ausbreitung kann sogar Hirnhäute und Gehirn erfassen.

Wenn Sie bei Ihrem Hund eine Ohrentzündung vermuten, zögern Sie nicht alsbald den Tierarzt aufzusuchen. Auch wenn es sich nicht um einen aktuten Notfall handelt, so kann eine frühzeitige Behandlung Ihnen und Ihrem Hund viel Leid ersparen.

Bei Fragen stehen wir Ihnen gerne in unserem Forum von Petsnature zur Verfügung!


Bildquellen:
Bild 1: Jill Peters; nach Abb. 12.1 aus Klinik der Hundekrankheiten von Freudiger, Grünbaum, Schimke, 1997
Bild 2 und 3: Wikimedia Commons
Bild 4, Bild-Collagen: Die Fotos wurden von Tierforenfreunden zur Verfügung gestellt. Danke! & Wikimedia Commons

Quellen:
Klinik der Hundekrankheiten von Freudiger, Grünbaum, Schimke, 1997
Lehrbuch der Anatomie der Haustiere Band IV von Nickel, Schummer, Seiferle, 3. Auflage 1992

© Jill Peters 2010 - www.visions-inside.de