Körpersprache und Mimik bei Hunden

Warum vergisst der Hund seine Erziehung, wenn der Mensch weg schaut?

Lange hat niemand verstanden warum Hunde bei einer  Gruppe von Menschen immer wissen, wer  am ehesten heimlich Essen unter den Tisch fallen lässt. Heute scheint es, dass die Antwort ganz einfach ist: Die Tiere sind in der Lage, die menschliche Mimik zu lesen.

Ein Team von der University of Florida hatte bemerkt, dass Hunde, die viel Kontakt mit Menschen haben, sehr stark auf verbale und nicht verbale Signale reagieren (1). Es gibt eine einfache Erklärung: Die Hunde haben gelernt Menschen zu beobachten und ihre Gesten zu lesen. Dies ist auch der Grund warum Hunde sich zu benehmen wissen, wenn wir dabei sind, aber sobald wir wegschauen wird der Schelm ausgepackt.

Lange Zeit haben Wissenschaftler die Fähigkeit von Hunden, die Mimik des menschlichen Gesichts zu sehen und zu interpretieren, unterschätzt. Es wurde davon ausgegangen, dass Mimik in der Kommunikation von Wölfen und Hunden keine so große Rolle spielt, wie in der Kommunikation von Primaten. Dies kam daher, dass die Forscher die Mimik einfach nicht sehen konnten, da die Ausdrücke sich sehr schnell, innerhalb von Millisekunden, ändern. Mit dem Fortschritt der modernen Foto-und Videoausrüstung hat sich dies geändert.

Ein gerne zitiertes Beispiel ist eine Situation in der sich zwei fremde Hunde treffen und sich für eine Weile nur gegenüber stehen und nichts tun. Bis auf ihre Nasen sieht man nicht, dass die Hunde miteinander kommunizieren. Allerdings würde eine empfindliche Videokamera festhalten können, dass in diesen wenigen Sekunden Hunde mit Hilfe ihrer Gesichtsmuskeln eine Menge erzählen. Diese Informationen decken den sozialen Status, ihre Rechte auf das Gebiet, die Höflichkeit und die Einvernehmlichkeit ab.

Da Hunde und auch Wölfe durch die Gesichtsmuskeln kommunizieren, versuchen Sie natürlich auch beim Menschen herauszufinden was wir sagen. Sie bemerken die kleinsten und subtilsten Bewegungen der mimischen Muskeln, auch die, die Menschen nicht in der Lage sind wahrzunehmen. Mehrere Experimente mit Hunden fanden heraus, dass die Tiere Menschen buchstäblich auf einen Blick verstehen (2).

Es stellte sich heraus, dass Hunde den Menschen besser lesen können, als Menschen sich gegenseitig. Unsere Gesichtsmuskeln spiegeln unsere Absichten und Wünsche wieder, ob wir es wollen oder nicht. Kein Mensch kann die unzähligen Muskeln in seiner Mimik jede Sekunde kontrollieren.

Aufgrund der Tatsache, dass Hunde ein gutes Gedächtnis haben und dass sie schnell lernen die "Sprache" der menschlichen Mimik und unsere Stimmung bewusst zu lesen, ist es nicht verwunderlich, dass es für Hunde nicht schwer ist den Menschen zu entschlüsseln (4). Natürlich lässt sich dies auch von uns lernen und viele Hundetrainer und Hundeerfahrene sprechen von „Intuition“.

Die Verhaltensforschung von Hunden ist ein sehr großes Gebiet mit unzähligen neuen Erkenntnissen und Veröffentlichungen. Ich will hier nur etwas auf einige ausgewählte neue Erkenntnisse in der Kommunikation eingehen. Falls Sie sich für ein spezielles Thema interessieren, können Sie gerne bei uns im Forum von Pets Nature nachhaken oder bei einem Buchhändler Ihrer Wahl in der Fachliteratur schmökern.

Das Gähnen und Schnauze lecken

Ansteckendes Gähnen ist ein gut dokumentiertes Phänomen und erhält seit einiger Zeit viel Aufmerksamkeit in der Verhaltensforschung. Ansteckendes Gähnen konnte bei 69% der 4-14 Monate alten Welpen und sogar bei über 72% der erwachsenen Hunde nachgewiesen werden (3).

Des Weiteren ist Gähnen, wie auch die eigene Schnauze lecken, seit einiger Zeit als sogenanntes Beschwichtigungssignal bekannt. Also Hunde gähnen, oder lecken vor ihrer Nase, um eine Bedrohung abzuwehren und sich selber auch zu beruhigen. Wenn sich eine Person oder ein anderes Tier nähert, kann der Hund seinen Blick abwenden, lecken und dann gähnen. Der Hund sagt damit, dass er sich bedroht fühlt und dass er selber aber nicht  angreifen will. Hunde nutzen diese Art der Körpersprache, um Konflikte zu vermeiden.

Beobachten Sie Ihren Hund, es gibt sicher viele Situationen in denen er beschwichtigt. So wenden sich viele Hunde ab und gähnen oder lecken, wenn Kinder oder Erwachsene streiten, wenn ein Kind den Hund umarmt oder bei anderen spannungsgeladenen Situationen.

 

Das Bewusstsein dessen, was Ihrem Hund Angst verursacht, kann Ihnen helfen zu verhindern, ihn diesen Situationen auszusetzen. Gerade das Lecken, kann sehr schnell und fast nicht wahrnehmbar sein. Man muss sich darauf trainieren es zu sehen. Wenn Sie schnell genug Ihren Hund aus der Situation bringen können, zeigen Sie ihm, dass Sie sich kümmern und er es nicht selber in die Hand nehmen muss. Das Wissen darüber ist auch nicht zu unterschätzen, um Beißvorfälle – vor allem das Schnappen nach Kindern - zu verhindern. Jeder Hund warnt vor, man muss es nur sehen.

Sie können auch auf dieselbe Art mit Ihrem Hund sprechen. Kein Hund nimmt es Ihnen übel wenn Sie ihm die Zunge raus strecken. Auch lassen sich viele Hunde durch Gähnen beruhigen, vor allem, wenn Sie ein ansteckendes Gähnen hin bekommen.

Der Schwanz

Der Schwanz kann sehr viel sagen, deshalb ist er auch für Hunde so wichtig. Nicht nur die Haltung vom Schwanz, die Höhe, die Art des Wedelns und Wackelns, auch die Richtungen sind sehr wichtig. Wenn der Schwanz hoch gehalten wird, zeigt es normalerweise, dass der Hund aufmerksam ist. Der Schwanz zwischen den Beinen bedeutet, dass der Hund Angst hat. Wenn sich das Fell am Schwanz sträubt, ist der Hund bereit, sich selbst oder andere zu verteidigen. Ein kurzes, langsames wackeln mit dem Schwanz ist ein Fragen und Unsicherheit. Groß und schnell wackeln Hunde die glücklich und aufgeregt sind. Je nach Haltung, kann dies aber auch Aggression signalisieren. Des Weiteren haben Hunde eine „Links-Rechts-Asymmetrie“ bei der der Schwanz während der Interaktion mit Fremden zeigt was Sache ist. Wenn der Schwanz eher nach rechts beim Wedeln gelagert ist, ist dies mit positiven Gefühlen verbunden. Der Hund freut sich und findet den anderen nett (5). Ein weißer Punkt an der Schwanzspitze vereinfacht die Kommunikation. Hunde hingegen die keinen Schwanz mehr haben, müssen ihren Popo zur Hilfe nehmen und sind oft in der Kommunikation etwas sprachbehindert.

Ohren

Die Ohren zeigen meist in Richtung der Aufmerksamkeit. Stehohren nach vorne bedeutet, der Hund ist sehr aufmerksam und das Abknicken vom Ohr bedeutet Unterwürfigkeit oder aber auch, wenn die Zähne dazu gezeigt werden, Aggression. Hunde mit Hängeohren können diese Signale nicht verwenden, was aber nicht sonderlich schlimm ist, da die Ohren ja automatisch angelegt sind. Schwierig wird es dann bei Hunden mit kupierten Ohren, weil diese die Ohren nicht mehr anlegen können und es so zu Missverständnissen kommen kann.

Nun wird also auch das erste Foto hier im Artikel klar:

Maul und Zähne

Wenn ein Hund stark die Lippen zurückzieht, kann dies zeigen, dass der Hund beißen will. Dies ist ein unbewusster Reflex, um die Lefzen von den Zähnen zu nehmen, damit er besser beißen kann. Allerdings ist dies weniger Kommunikation und die aggressive Absicht wird oft auch falsch interpretiert. Zum Beispiel werden viele Hunde ihre Lefzen kräuseln, wenn sie einen Keks oder Knochen nehmen wollen. Sie wollen sich dabei nicht selbst auf die Lefzen beißen.

Eine Form der Zähne entblößen ist das „unterwürfige Grinsen“. Dies bedeutet, dass der Hund es freundlich meint. In diesem Fall wird der Hund dies auch durch anderes Verhalten zeigen, wie Schwanzwedeln und gesenkte Körperhaltung. Manche Hunde zeigen ein unterwürfiges Grinsen, wenn sie bei etwas erwischt werden, was sie nicht hätten tun dürfen. Andere einfach auch nur, wenn sie sich freuen.

Eine sehr häufige Form der Kommunikation ist auch einen anderen Hund oder einen Menschen zu lecken. Hunde lecken anderen Hunden die Gesichter und Münder, wenn sie einander freundlich begrüßen. Lecken ist eine soziale Bindung analog zur sozialen Fellpflege die Primaten verwenden.

Augen

Hunde drücken sehr viel mit den Augen aus. So wird das direkte Anstarren in die Augen als Aggression gedeutet. Hunde die gut mit Menschen sozialisiert sind, wissen dass der Mensch es nicht so meint, werden aber sofort zur Seite schauen und auch Beschwichtigungssignale zeigen. Deshalb starren Sie bitte fremden Hunden nie direkt in die Augen. Wenn es ein fremder Hund bei Ihnen tut, dann wenden Sie sich ab und beschwichtigen Sie, am besten mit Gähnen. Das ist vor allem dann hilfreich, wenn sich zwischen Ihnen und dem Hund kein Zaun befindet.

Wenn sie Ihren Hund zu sich rufen und ihm dabei aufrecht in die Augen starren, wir er ganz bestimmt nicht zu Ihnen kommen, sondern verlegen in den Ecken schnüffeln und beschwichtigen. Wenden Sie sich etwas von ihrem Hund ab, gehen sie in die Hocke und rufen Sie ihn leise. Sie werden sehen, Ihr Hund versteht Sie jetzt.

Der folgende kleine Animationsfilm verdeuticht das sehr anschaulich:

Kommunikationsmissverständnisse

Für weitere Infos und Fragen stehen wir Ihnen gerne in unserem Pet-Club zur Verfügung: Forum von Pets Nature

© Dr. Hannah Miriam Jaag 2013 – www.hmjaag.de

© Bilder:
Grafik: Hannah M. Jaag
Fotos 1, 2, 5, 6, 8: Hannah M. Jaag, Thomas Kring
Fotos 3, 4: Wikimedia Commons
Fotos 7: www.sxc.hu


(1) Can your dog read your mind?: Understanding the causes of canine perspective taking. Udell MA, Dorey NR, Wynne CD. Learn Behav. (2011)
(2) Dogs' comprehension of referential emotional expressions: familiar people and familiar emotions are easier. Merola I, Prato-Previde E, Lazzaroni M, Marshall-Pescini S. Anim Cogn. (2013)
(3) Contagious yawning in domestic dog puppies (Canis lupus familiaris): the effect of ontogeny and emotional closeness on low-level imitation in dogs. Elainie Alenkær Madsen, Tomas Persson. Anim Cogn (2013)
(4) Are readers of our face readers of our minds? Dogs (Canis familiaris) show situation-dependent recognition of human’s attention. Márta Gácsi, Ádám Miklósi, Orsolya Varga, József Topál, Vilmos Csányi. Anim Cogn (2004)
(5) Seeing Left- or Right-Asymmetric Tail Wagging Produces Different Emotional Responses in Dogs. Marcello Siniscalchi, Rita Lusito, Giorgio Vallortigarasend email, Angelo Quaranta. Current Biology (2013)